Trauer und Wut
Spreeblick News #65
Liebe Liebende.
Der Schock, das Entsetzen, die tiefe Trauer über den Anschlag auf den Berliner CSD und die queere Community saß auch am Tag nach dem Geschehen tief. Ich war daher froh, dass am vergangenen Sonntag kurzfristig eine Trauer-Versammlung auf dem Pariser Platz am Brandenburger Tor auf die Beine gestellt wurde, immerhin gab es damit einen Ort, an dem man die eigene Hilflosigkeit teilen konnte.
Und wie gut es sich anfühlte, dass so viele tausend Menschen so schnell zusammengekommen waren, die sich teilweise weinend in den Armen lagen und den Worten der Redenden und einigen getragenen Songs zuhörten. Es war eine ruhige, friedliche, solidarische Atmosphäre. Menschen lächelten sich trostsuchend und tröstend an. Es war ein Zusammenkommen vieler Fremder, die sich in ihrer Traurigkeit nahe waren.
Als ich mit Freund*innen den Platz verließ, fiel uns plötzlich ein kleines Team von BILD auf. Eine junge Reporterin stand mit einem roten BILD-Mikrofon vor einem Kameramann, hinter ihr war die Menge der Trauernden zu sehen.
Für mich und meine Begleitungen fühlte es sich komplett falsch an, eine Reporterin genau des Mediums auf dieser stillen und solidarischen Veranstaltung zu sehen, das für seine reißerische, hetzerische und spaltende Arbeit bekannt ist. Einigen anderen Menschen schien es ähnlich zu gehen, sie starrten auf die bizarre, heuchlerisch wirkende Szene, schienen ratlos. Sollte man das Team ansprechen? Wie macht man das, ohne zu eskalieren? Was sagt man zu Menschen, die für dieses „Organ der Niedertracht“ (Max Goldt) arbeiten? Wir diskutierten kurz, beschlossen dann aber, die Trauerfeier eine solche sein zu lassen und sie nicht mit einer Debatte zu stören, die eventuell hätte lauter werden können.
Aber irgendwie wurmte es mich dann beim Weitergehen doch, dass wir gar nichts taten. Dass wir keinen Weg fanden, unserer Wut über die Anwesenheit des BILD-Teams Ausdruck zu verleihen.
Auf die Schnelle tippte ich die alte 68er-Weisheit „BILD LÜGT“ in mein Smartphone (die an Relevanz nichts verloren hat1), vergrößerte den Slogan bildschirmfüllend, stellte mich direkt hinter die BILD-Reporterin und hielt mein Telefon auf Höhe ihrer Schulter in die Kamera, wohlwissend, dass der Kameramann Schwierigkeiten haben würde, die Aktion auszublenden.
Bis dahin dachte ich, dass es sich um eine Aufzeichnung für einen Bericht handelte. Dass sie den Take halt noch einmal drehen würden, wenn ich weg bin.
Aber das war keine Aufzeichnung. Das war live. Auf BILD-TV und auf YouTube. Und so war ich dann also mal im Livestream von BILD, wie ich später am Abend feststellen musste (man kann ja Livestreams manchmal „zurückspulen“). Die BILD-Moderation nahm den Take ab mit den Worten „Da war im Hintergund ein Herr zu sehen mit einem Smartphone, auf dem stand ‚BILD lügt‘, nun ja, wir leben in einem freien Land, hier kann jeder seine Meinung sagen, danke für die Fakten und Tatsachen an unsere Reporterin“ oder so ähnlich. Fair enough, gut gelöst, und natürlich ärgerte ich mich jetzt, dass mir nichts eingefallen war, das einen direkteren Bezug gehabt hätte. „BILD spaltet“ oder so.
Denn natürlich ging es nicht um die Reporterin oder den Moment (ich konnte überhaupt nicht hören, was sie in das Mikro sprach), sondern es ging um BILD ganz generell. Es ging darum, zu sagen:
Ich finde, ihr solltet nicht hier sein, denn ihr seid ein Medium, das schädlich für die Gesellschaft ist und das Land spaltet – und niemand braucht eure geheuchelte Solidarität.
Aber das wäre zu lang für einen Smartphone-Screen gewesen.
Neben der Tatsache, dass das Ganze keine Aufzeichnung, sondern ein Livestream war, und neben dem Ärger, dass mir nichts besseres als Slogan eingefallen war, gab es noch eine weitere Sache: Ich hatte nicht damit gerechnet, dass mir plötzlich rund zehn Leute gegenüber standen (also hinter dem Kameramann), die mich bei der Aktion filmten. Das fühlte sich ganz schön schräg an. Ich bin Bühnen gewöhnt, habe aber mit dieser Instagram- / TikTok-Videokultur nichts am Hut. Zwar gaben mir viele Leute (außer die beiden von BILD) den Daumen hoch, lächelten, freuten sich. Aber ich hatte das eigentlich nur für eine einzige Kamera gemacht.
Aber naja, was soll’s. Modern times. War halt spontan. Und wir haben dann in unserer kleinen Gruppe natürlich auch ein bisschen lächeln können, weil eben doch noch Unmut gegen BILD geäußert wurde. Ohne Eskalation, ohne die Trauer zu überschatten. So weit, so okay. Dachte ich.
Und dann kam am Montag Abend eine Kurznachricht einer meiner Söhne in die Familiengruppe. In Großbuchstaben. Dazu ein Link zu TikTok.
Es war passiert, was wohl passieren musste: Jemand hatte die Aktion gefilmt, ein paar Takes zusammengeschnitten, in drei Versionen auf TikTok gepostet und damit in wenigen Stunden eine knappe Million Aufrufe, einige hunderttausend Likes und ein paar hundert Kommentare generiert.
Das war … wild.
Vor allem, weil die Kommentare von vermutlich eher jungen Menschen zu 99% einfach nur nett und begeistert waren. Ich musste lächeln und lachen beim Lesen, wurde auf netteste Weise als „Der BILD lügt Mann“ und als „Onkel“ bezeichnet, wurde darauf hingewiesen, dass nicht nur BILD lügt („Al Jazeera lügt auch, Günther!“), wurde mit wirklich süßen Komplimenten und lustigen GIFs bedacht … und dachte trotzdem nur: Glück gehabt. Das hätte auch anders ausgehen können. Dieses “viral gehen” fühlt sich sehr weird an.
Aber gut. Inzwischen haben der Clip oder Screenshots davon auch Instagram und Bluesky erreicht, in etwa sechs Wochen können sich also LinkedIn-Nutzer*innen darüber freuen.
Es ist mir zum Schluss dieser Anekdote sehr, sehr wichtig zu sagen: Ich schreibe das alles nur deshalb auf, weil ich viele Nachrichten mit der Frage nach der Entstehung der Situation bekommen habe und noch bekomme, also einfach, um die Geschichte festzuhalten.
Weder die Aktion noch dieser Text dürfen oder sollen davon ablenken, dass am vergangenen Samstag ein schrecklicher Angriff auf die queere Community stattgefunden hat. Ein furchtbares Verbrechen, das zu verabscheuen ist. Und das uns allen zeigt, dass wir uns noch viel stärker gegen jede Form von Queerfeindlichkeit stellen, für eine freie Gesellschaft einsetzen und gegen jeden Hass engagieren müssen.
Mein Mitleid und mein Beileid gilt der Community, den Hinterbliebenen und den Angehörigen und Freund*innen der Opfer sowie allen anderen von dieser grausamen Tat Betroffenen.
Bleibt Liebende.
Johnny
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Onkel, ich bin stolz auf dich <3
hab ich dann mal bei linkedin gepostet :)