Wut gegen die Maschine
Spreeblick News 58
Holla!
Noch bevor ich meine endlosen Konzertberichte weiter tippe und an euch schicke1, noch bevor ich euch das Rauchen abgewöhne, noch bevor ich den mitlesenden Männern im meinem Alter Styling-Ratschläge gebe, noch bevor ich wieder zu bereits geplanten und heftigeren ernsten Themen komme, noch bevor ich mit diesem Newsletter endlich wie seit langer Zeit geplant von Substack zu Ghost / Magic Pages wechsle, was für euch keine Veränderung bedeutet, wenn ihr diesen Newsletter einfach nur lesen wollt …
… muss ich euch die crazy Geschichte von neulich Abend erzählen. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Bildergeschichte.
Und die geht so.
Ich so am Samstag Abend (Rock’n’Roll!): Hey, mal sehen, ob ein paar der Fotos der letzten Tage was geworden sind. Ach, guck mal, der süße Hund in der Markthalle, zwei tolle Fotos sind das geworden (hier zwei schnell und schlecht beschnittene Schwarzweißversionen, damit ihr die Süßigkeit bestätigen könnt:
Euch Profis fällt natürlich sofort auf: Total unscharf. Kannste vergessen. Ich aber, ein noch viel professionellerer Profi: Pah, das hole ich im Edit raus. ABER: Da vorne, das achtlos weggeworfene oder versehentlich heruntergefallene Stück Papier, das muss weg. (Ab hier jetzt in Farbe, das hat mit JPG- und RAW-Dateien zu tun und ist mega langweilig, aber wenn ihr schon fragt: Ich fotografiere oft in Schwarzweiß, aber die Original-RAW-Dateien meiner Kamera<hust>s sind immer in Farbe, und eben diese habe ich in Adobe Lightroom geöffnet, um sie zu bearbeiten.)
Hier also das Papier:
Ein Stück Papier, eine Papierserviette, wasauchimmer. Hier, noch etwas größer:
Wir sind uns einig, dass das ein Stück Papier ist, oder?
Tja. Das sieht die Maschine aber ganz anders. Lest mal schön weiter!
Es gibt ja seit geraumer Zeit dieses Ding namens KI. Künstliche Intelligenz. Eine Art Richard David Precht als Software (ich finde diesen Vergleich auf verschiedenen Ebenen gar nicht so schlecht, aber ich habe gerade keinen Bock, sie zu erklären).
KI wird mittlerweile und oft unnötigerweise in jede Software als Feature eingebaut, egal, ob man es will oder nicht, aber es gibt auch ein paar Bereiche, in denen KI ganz praktisch und beeindruckend sein kann. Bei der Bildbearbeitung beispielsweise. Schon vor dem KI-Hype konnte man störende Elemente in einem Bild entfernen, mittlerweile schafft es Generative KI aber auch, Bildelemente eben: zu generieren. So kann man dem Himmel eines Fotos Wolken jeder Art hinzufügen, um ein ganz einfaches Beispiel zu nennen.
Ich wollte ja aber nichts generieren außer einem Hintergrund, der auf Basis der im Foto vorhandenen Umgebung eigentlich recht einfach zu errechnen sein sollte, also habe ich das Stück Papier markiert:
Und dann habe ich auf “Störende Elemente entfernen” in Lightroom geklickt. Und dann war das Stück Papier tatsächlich weg. Und stattdessen war da eine Maus.
Nun kann man in Lightroom mehrere Versionen des Vorgangs abrufen, und so konnte ich noch eine zweite, völlig andere Maus generieren.
Ich muss zugeben, dass das ein bisschen gruselig war. Ich hatte auf “Entfernen” geklickt, die Struktur des Bildes ist an dieser Stelle sehr einfach, ich hätte das Entfernen in diesem Fall in Photoshop selbst “manuell” gut hinbekommen, aber WTF, warum generiert mir die Lightroom-KI zweimal eine Maus an die Stelle? Was denkt die sich?
Beim zweiten Versuch wurde mir dann erst ein schwarzer Balken …
… und dann ein kleiner schwarzer Vogel generiert.
Und dann hab ich aufgehört, auf “Entfernen” zu klicken. Aus Sorge, dass als nächstes Markus Söder auf dem Foto auftaucht.
I shit you not, das ist alles genau so passiert. Und das kann man zwar prima in einem Newsletter verwursten, aber jetzt denken wir das mal alles weiter in etwas relevantere Lebensbereiche und dann fragen wir uns, ob nicht irgendwo von irgendwem längst statt einem Stück Papier auch mal eine historisch bedeutsame Person entfernt und durch irgendeinen Vogel ersetzt wurde. Oder umgekehrt. Und ob wir sowas überhaupt noch wissen oder erkennen oder nachweisen können.
Und dann ist das alles nicht mehr witzig, sondern macht – je nach Charakter – ängstlich oder wütend. Denn dieser KI-Mist wird uns noch ganz schön um die Ohren fliegen.
Aber: nicht hier, nicht jetzt, nicht heute. Hier wird erstmal weiterhin von Hand genewslettert, Freundinnen und Freunde!
Augen auf im Internet
Johnny
P.S. Ich ärgere mich sehr, dass ich nicht wenigstens versucht habe, Oasis-Tickets zu bekommen.
P.P.S. Das hier ist sehr lustig.
P.P.P.S. Bitte empfehlt diesen Newsletter allen Menschen, die ihr gut findet, danke!
Tanja meinte neulich, am besten seien die Newsletter, wenn ich nicht zu viel darüber nachdenke oder gar versuche, eine ZEIT-Kolumne daraus zu machen, sondern wenn ich sie wie Briefe an einen guten Freund oder eben gute Freundinnen und Freunde schreibe. Mit allen Unsicherheiten, Fehlern und mit allem Nochnichtganzzuendegedachten. Also schreibe ich so, aber bildet euch bloß nicht ein, dass wir jetzt tatsächlich befreundet wären, das ist metaphorisch gemeint, ich kenne euch ja kaum.











Ach, Johnny, nun habe ich mir gedacht, dass trotz KI-Zeitalter, Du nun schreibst; « Also, statt das zerknüllte Pàpier mit KI zu entfernen, äh zu deliten, habe ich es entknüllt, und, oh staunt liebe Fans, folgende Botschaft lesen dürfen: « « (Das bleibt Dein Geheimnis.) —— Vielen Dank für das schöne (unscharfe, grrr) Foto von dem gar traurig ausschauenden Hund. Vllt. verkaufst Du Abzüge mit Deiner Signature?
Brilliant (und sehr lustig) geschrieben. Zudem kann ich das Erlebte genau so bestätigen. Wobei meine KI leider nur Balken produziert und keine so schönen Mäuse. Vielleicht muss ich mal upgraden. Anyway. Hab deinen Newsletter gerade 1621 Menschen empfohlen. Ich hoffe auf große Resonanz! Liebe Grüße